Vorblick Rückwärts

Etwas gegen Herbstdepressionen:Eine Kurzgeschichte, geschrieben im Mai 2015. Das mir ja keiner denkt, dieses Projekt sei eingeschlafen. Alles arbeitet. Besonders der Kopf ;-)

 

 

 

Vorblick rückwärts (Konrad Meier)

 

„Wach auf.“ Du blinzelst, weil Licht dich blendet.

„Na komm, wach auf.“ Du richtest dich auf und reibst dein Gesicht. Ich stehe vor dir, und du schaust mich an.

„Aber,…aber ich war so kurz davor.“

„Ach ja? Wo vor denn?“

„Na, zu verstehen. Alles zu verstehen.“

„Und, was gelernt?“

„Ja, naja, ich sagte doch ich war kurz davor. Einen Augenblick noch.“

Langsam schließt du wieder die Augen und legst dich hin.

„Bist du sicher? Ich weiß nicht, wie viele Augenblicke du noch hast.“ Du hältst inne. „Wie meinst du das? Ich bin jung und kerngesund. Mein ganzes Leben steht noch vor mir.“

„Ach ja?“ Ich halte dir einen Spiegel vor. Du blinzelst mit müden Augen hinein und erschrickst. Zurückweichend versuchst du, mit deinen Armen Abstand zwischen dir und dem Spiegel herzustellen. Als du deine knochigen, faltigen Hände erblickst, entfährt dir ein stummer Schrei.

„Ganz ruhig“, sage ich. „Das geht gleich vorbei.“

„Nimm den Spiegel weg!“ rufst du. „Das bin nicht ich!“

Während ich langsam den Spiegel zur Seite stelle, fährst du mit deinen Fingern über die ledrige Haut deines Gesichts, deine eingefallenen Wangenknochen und Augenhöhlen. „Das bin nicht ich“ flüsterst du.

„Das bist du! Jedenfalls eine deiner Möglichkeiten. Hast dich ganz gut gehalten! Immerhin bist du 97 Jahre alt.“

„Aber ich kann nicht alt sein. Ich kann mich an gar nichts erinnern. Wo ist mein Leben hin? Ich bin 27!“

„Na, was meinst du?“ antworte ich. „Glaubst du, dein Leben wartet, während du hier liegst und dich fragst, worum es geht?“

„Aber das hab ich doch nicht siebzig Jahre lang getan.“

„Ach, Zeit spielt nicht wirklich eine Rolle. Du kennst doch diese Augenblicke, die nur wenige Sekunden dauern, die dir trotzdem so viel Erfüllung wie ein ganzes Leben geben. Warum sollte es andersrum nicht genau so laufen können?“

„Du meinst, während ich hier mal eben fünf Minuten über den Sinn des Lebens nachgegrübelt habe, bin ich siebzig Jahre gealtert?“

„Ja.“ Ich lächle dich an.

„Es gibt so viel, das ich noch machen wollte!“

„Entspann dich. Jünger als jetzt wirst du ohnehin nie mehr sein.“

Du verdrehst die Augen. „Das hat meine Oma so ähnlich schon gesagt. Wo ist mein Leben hin verdammt?“

„Hast du sie mal gefragt, wie sie drauf gekommen ist? Oder wann? Ich verrate dir etwas. Die Vergangenheit ist eine Perlenkette logischer Folgen. Die Vergangenheit sieht einfach aus, weil sie einfach ist.

„Aber da ist nichts“ rufst du. „Ich kann mich an gar nichts erinnern.“ Ich lege eine Hand auf deine Schulter und sage: „Gib dir ein wenig mehr Zeit, dann wirst du es verstehen. Du kannst nicht alle Folgen deines Handelns abschätzen. Völlig unmöglich. Die Möglichkeiten selbst befruchten sich. Bevor du einen Weg zu Ende gedacht hast, gibt es 1000 neue Kreuzungen. Bis du einmal eine Sekunde lang in den theoretischen Rückspiegel geblinzelt hast, ist dein Leben längst an dir vorbei gefahren.“

Dein Blick wird etwas klarer.

„Du willst mir also sagen, ich habe so lange über die Zukunft nachgedacht, dass ich mein eigenes Leben verpasst habe?“

„Fast, ja.“ 

„Aber ich wollte doch nur alles richtig machen! Ich wollte wissen worum es geht, wie ich ein gutes Leben führen kann. Wie ich glücklich werde.“

„Und, bist du es?“

„Wie sollte ich?! Ich bin alt, ich habe mein Leben verpasst!“

„Ein paar Augenblicke hast du noch. Und das Leben ist nun mal eine Reihe von Augenblicken. Der Augenblick ist ein weißes Blatt Papier. Du, du kannst schreiben. Groß oder klein, schnell oder langsam. Du kannst natürlich auch weiter dieses Blatt anstarren. Verschenkte Abenteuer, wenn du mich fragst.“ Ich nehme deine Hand und helfe dir auf.

„Achtsamkeit ist das Stichwort. Wie viel Platz ein jeder Augenblick in deinem Leben einnimmt, liegt allein bei dir. Du entscheidest, ob du genussvoll isst, oder mit schlechtem Gewissen Nahrung aufnimmst.“

Wir gehen, Hand in Hand, langsam durch den Raum.

„Du entscheidest, ob es dir gut tut, Gutes zu tun, und du räumst dem Schlechten Platz in deinem Leben ein. Du entscheidest, ob du aus Fehlern Konsequenzen ziehst. Du kannst der Liebe eine Chance geben, das Glück unendlich wachsen lassen. Oder darüber nachdenken.“

Wir erreichen einen Durchgang, und ich lasse dir den Vortritt. Als du die Schwelle übertrittst flüstere ich: „Viel Spaß.“

 

Du blinzelst, weil Licht dich blendet, als du aufwachst. In deinen Händen liegen ein Stift und ein beschriebenes Blatt. Du Steckst beides ein, stehst auf, und räkelst dich. Die Sonne ist warm, und die Luft riecht nach Frühling.

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