Die Revolution - Part 1

Kürzlich habe ich Crimethinc entdeckt, eine lose anarchistische Gruppierung. Um mehr darüber zu erfahren, habe ich auch eine Kritik zu deren Programm gelesen. Auf beides schreibe ich hier eine Antwort.

Crimethinc ist amerikanisch und frech und ruft zu Verweigerung, Stehlen und Aussteigertum auf. Die deutsche Übersetzung einer Kritik an Crimethink fasst das u.a. so zusammen:

 

"Das würde erklären, warum Crimethinc keine Theorie für eine Revolution hat, oder wie man auf den Umsturz dieses Systems hinarbeitet und wie man sicher geht, dass wir wenn wir es geschafft haben diese Gewinne auch erhalten können, wie man eine post-revolutionäre Welt organisiert, so dass wir nicht die Fehler des CNT und anderer historischer Vorgänger wiederholen. Eine spontane Revolution gibt der ArbeiterInnenklasse nicht die Mittel sich gegen Reaktionäre und StaatssozialistInnen zu verteidigen. Crimethinc ruft zu einer Revolution im täglichen Lebensstil und nicht im Leben auf."

 

Ich glaube, dass genau im letzten Satz das wichtigste Missverständnis versteckt ist.


Bei aller - sinnvollen und angebrachten Kritik an Crimethinc - bin ich der Meinung, dass die Revolution im täglichen Lebensstil der beste Weg in eine post-revolutionäre Welt ist.
Jede spontane Revolution, jede Hauruckaktion, jeder Putsch bringt immer neue, extrem dynamische Machtverhältnisse hervor, die sofort vom weiteren Verhalten der neuen Machtbeteiligten ist. Der Großteil der Bevölkerung hat bei jeder schnellen politischen Wende weder was zu sagen, noch bekommt er wirklich mit, was passiert.

Als Faustregel gilt: In ruhigen Zeiten neigt die Macht dazu, sich zu zentralisieren, in extremen Zeiten besteht die Chance, die Verhältnisse radikal zu ändern.

Beides hilft uns nicht weiter. Wir wollen eine bessere Welt für alle schaffen und wir sollten uns davon verabschieden, dass jemand nur die finale Vision dieser Welt mal eben hat, und man diese dann - zack-feddich - per Revolution umsetzt. Jeder kann das überprüfen anhand von Ticks und Macken, die er versucht sich abzugewöhnen. Wenn es so leicht wäre, dann hätten wir kein Problem.

Deshalb denke ich, dass der gedankliche Ansatz von Crimethinc sehr gut ist, auch wenn er - mit Aufruf zu Kriminalität und Verherrlichung des dropping out usw. - bescheiden kommuniziert wird.

Die alte chinesische Weise bringt es immer wieder auf den Punkt, oder Ghandi, Jesus, Bhudda:
sie alle haben leicht abgewandelt gesagt: be the change you want to see --> echte Veränderung kann es nur durch eine Veränderung der inneren Einstellung, des eigenen Handelns geben.

Nehmen wir einmal an, dass ist wahr und richtig.
Wie entsteht die Welt in der wir Leben? Sie entsteht nicht durch Konzerne, oder Manager oder sonst was. Sie entsteht durch die Summe aller unserer täglichen, ja sogar unserer momentanen Handlungen. Das definiert Realität. Also kann nur eine Veränderung unseres täglichen Handelns die Realität in der wir leben beeinflussen. Vieles kann man sogar sehr einfach nicht durch mehr oder verändertes Tun, sondern durch Nicht-Tun, durch unterlassen erreichen.

Dir gefällt Massentierhaltung nicht? Dann ernähre dich vegetarisch.
Du bist gegen Monsanto, Gen-Produkte usw.? Dann geh in den Bioladen.
Du möchtest mehr Gemeinschaft und weniger Medienfixierung? Dann geh raus und sprich die Menschen direkt an.
Wir treffen jeden Tag tausende solcher Entscheidungen, ohne uns dessen Bewusst zu sein.

Ich denke, dass dieser Gedanke vielen esoterisch vorkommen mag. Trotzdem sollte man sich eines klar machen:
Was können wir wirklich beeinflussen? Andere Menschen? Oder uns selbst?
Und möchten wir in einer Welt leben, die nur dadurch besser ist, weil wir unsere Vision einer besseren Welt durchgesetzt haben?

Vielleicht sollten wir alle daran arbeiten, die Menschen auf die Macht die sie über ihr eigenes Leben haben aufmerksam zu machen.
Wenn ca. 20% der Weltbevölkerung von einem selbstbestimmten und nachhaltigen Lebensstil überzeugt sind und diesen auch selbst leben, dann wird ein Dominoeffekt einsetzen.
Macht ist eine Illusion, der Glaube an Macht konstituiert Macht. Wer also meint, Konzerne hätten Macht über sein Leben, der gibt Konzernen damit Macht über sein Leben.

Am Anfang ist die Entscheidung: Wer bestimmt mein Leben?
Und deswegen beginnt Selbstbestimmtheit da, wo auch die Revolution beginnt: im eigenen Herzen, im eigenen Kopf.

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